Auf ein Wort

Ach Wettergottchen!

Unsere aufgeklärte Welt ist voller Götter. Menschen, die nie eine Kirche betreten würden, schauen zu Beginn eines Straßenfestes verträumt in den wolkenlosen Himmel und rufen aus: „Heute ist uns der Wettergott aber gnädig gestimmt!“ Sie haben dieses Fest doch wochenlang vorbereitet und so manchen Plan B geschmiedet für den Fall, „dass der Wettergott nicht mitspielt“. Diesem Gott werden keine Opfer gebracht und ich kenne auch keine Bildnisse von ihm. Vielleicht würden sie eine Mischung aus Petrus und Zeus darstellen mit sonnigem Lächeln und Plüschblitz. Denn der Wettergott ist ein freundlicher, liebenswerter Gott, der seinen Blitz nur als modisches Accessoire mit sich führt. Wer will einem solchen Gott böse sein, wenn er vielleicht doch mal nicht mitspielt. Er bekommt einfach eine neue Chance, beim nächsten Mal in der Mannschaft der Straßenfestorganisatoren mitzuspielen und nicht in der der Landwirte, die ja auch mal Regen brauchen.

Neben dem Wettergott gibt es auch noch den Fußballgott – eine Göttergattung, die sich in den letzten Jahrzehnten stark vermehrt hat. Es gibt ihn als omnipräsentes, mächtiges Exemplar, das spielentscheidend die Geschicke der Fußballwelt lenkt. Der Schalker Manager Rudi Assauer hat 2001 öffentlich seinen Glauben an diesen Fußballgott aufgekündigt, als am letzten Spieltag doch wieder einmal Bayern München Meister wurde. Offensichtlich wurden noch keine tragfähigen Kriterien entwickelt, an die sich der Fußballgott zu halten hat. Der Fußballgott ist ein dreifaltiger Gott, denn es gibt außerdem noch den Mannschaftsgeist, der Außenseitermannschaften zum Sieg trägt, und den menschgewordenen Fußballgott auf oder neben dem Platz. 1954 gab es davon nur einen und der stand im Tor der Nationalmannschaft. Hannover 96 hatte damals noch keinen und wurde trotzdem Meister, heute haben sie einen und der sitzt im Aufsichtsrat. Ein anderer wäre fast dazugestoßen, spielt nun aber bei St. Pauli, wo sie deshalb jetzt zwei haben. Der Fußballolymp ist von geradezu antiker Unübersichtlichkeit*.

Bei so vielen Göttern muss es auch einen Teufel geben – der steckt aber irgendwo im Detail fest. Daneben ist er allerdings für alle Fehler zuständig, die wir nicht gemacht haben – hat also wahrscheinlich mehr Macht als Wetter- und Fußballgötter zusammen.

Wenn der Wettergott mitspielt, dann feiern viele junge Menschen in diesem Jahr eine sonnige Konfirmation. Und wenn er nicht mitspielt, haben sie zwar verregnete Fotos, aber einen genauso unvergesslichen Tag. Einen Tag, an dem sie „Ja“ zu Gott sagen. Nicht zu einem Gott, der für mein gutes Wetter und meinen Sieg zuständig ist, sondern zu einem Gott, der für die ganze Welt gelebt hat und gestorben ist. Zu einem Gott, der auch bei schlechtem Wetter und bei Niederlagen mit dabei ist, dann ganz besonders.

Eine gesegnete Frühlings- und Frühsommerzeit wünscht Ihr und euer
Manuel Kronast