Auf ein Wort

Ich habe Elsa getötet...

Mörder spielten die Kinder. Jeder bekam einen Zettel mit dem Namen des Opfers darauf. Der Mord hatte immer auf die gleiche Weise zu geschehen. Der Mörder musste versuchen, seinem Opfer in einem günstigen Augenblick etwas zu geben. Nahm das Opfer an, war es tot.

Die Kinder spielten das Spiel mit großer Begeisterung. Ich war einer der ersten, die starben. Und es war mir nicht egal! „Hier, halt mal.“, lautete der verhängnisvolle Satz, auf den ich reagiert hatte. Hinterlistig war ich dazu gebracht worden, eine Taschenlampe zu halten. Das war mein Todesurteil.

Den Zettel, auf dem der Name des mir zugeteilten Opfers stand, musste ich meinem Mörder übergeben. Der war nun seine neue Bedrohung. Als ich versuchte, es aus meinem Jenseits zu warnen, erfuhr ich: Es war auch schon gestorben.

Über den Flur tobten die Kinder. Ein Junge rief aufgeregt: „Ich habe Elsa getötet.“ Ich versprach meinem Mörder im Traum zu erscheinen. Ich behauptete, nicht „in Frieden ruhen“ zu können, bis mein Tod gerächt sei. Aber nach einer Weile nahm mich niemand mehr ernst. Verstanden fühlte ich mich nur noch von anderen Opfern. Sie waren zahlreich. Einigen machte ihr Schicksal zu schaffen. Den Lebenden gingen die Einwürfe aus dem Reich der Toten allerdings schnell auf die Nerven. Wir waren abgemeldet.

Natürlich war das Ganze nur ein Spiel an einem verregnetet Tag auf einer Sommerfreizeit. Längst bin ich wieder mit anderen Dingen beschäftigt und weile Gott sei Dank noch unter den Lebenden. Jetzt im Herbst aber kommt mir das Spiel wieder in den Sinn.

Am Totensonntag, wenn die Namen der Verstorbenen in der Kirche verlesen werden, wenn auf dem Friedhof in Ahlem der Posaunenchor alte Choräle bläst, da scheint mir der Gedanke an eine Welt der Toten, in der diese abgeschieden von unserer Welt der Lebenden darauf warten, dass jemand sich ihrer annimmt, vielleicht sogar kommt und sie von dort zum Ewigen Leben herausruft, nicht mehr so weit hergeholt wie sonst meistens.

Ich weiß, die Auferstehung der Toten ist eine Chiffre für etwas, das ich zwar wünschen, aber kaum verstehen und worüber ich begründet nichts sagen kann. Auch gehört es wohl nach unseren Begriffen ins Reich der Phantasie, wenn ich mir ausmale, wie die Toten weiter mitreden wollen und niemand hört ihnen mehr zu.

Trotzdem scheint es mir - jenseits von Channelling und anderem Aberglauben - nur recht und billig, dass wir ihrer am Totensonntag in der Kirche Name für Name gedenken.

Stefan Krause