Auf ein Wort

Feiertag gesucht! Reformationstag gefunden?

Natürlich ginge die Welt, auch die evangelische, nicht unter, wenn der Reformationstag kein Feiertag wäre. Natürlich darf diese Frage nicht ohne Rücksicht auf Verluste entschieden werden. Ein Feiertag, der ein Bundesland spaltet, ist kein guter Feiertag. Und dennoch: Ich finde, ein Reformationsfeiertag hätte Charme!

Zunächst: Der Reformationstag ist kein Luthertag. Der 31. Oktober ist weder der Geburts- noch der Todestag Luthers, er ist nicht das Erscheinungsdatum einer seiner Hauptschriften. Nicht an diesem Tag stand er vor dem Reichstag und er hat auch nicht an diesem Tag die Bannandrohungsbulle verbrannt. Am 31. Oktober 1517 setzte er 95 Thesen zum Ablasshandel in Umlauf. Er schrieb darin nicht gegen die Juden und auch mit dem Papst ging er noch sehr höflich um. Seine Hauptkritik galt denen, die für die Auswüchse des Ablasshandels verantwortlich waren.

Luther kritisiert die Verbindung von Sündenvergebung und Geld, überhaupt die finanziellen Verstrickungen der Papstkirche. Vor allem aber weist er dem Menschen selbst die entscheidende Verantwortung für sein Leben zu. Das ganze Leben eines Menschen soll Buße sein, also eine immerwährende Suche nach einem besseren Weg. Der Mensch ist frei – und kann doch nicht machen, was er will.

Diese Freiheit und diese Verantwortung haben Menschen wörtlich genommen, es kam zu einer beispiellosen Aufklärungsbewegung. In eigener Verantwortung mit der Bibel umzugehen – das brachte nicht immer die Ergebnisse, die Luther sich wünschte. So wurde er zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Teil der Reformation.

Der Reformationstag ist damit der Tag von Millionen Menschen, die sich von diesem Freiheitsgedanken anstecken ließen. Der Tag der aufständischen Bauern, die sich auf Luther beriefen. Der Tag derjenigen, die nun plötzlich die Freiheit beanspruchten, gar nicht mehr an Gott zu glauben. Und schließlich auch derer, denen im Namen der Freiheit ihre Freiheit genommen wurde. Er ist ganz sicher kein Lutherverehrungstag! Gerade durch das Reformationsjubiläum im letzten Jahr hat das heile Lutherbild auch innerkirchlich deutliche Sprünge bekommen. So sehr, dass einige schon meinten, nun wäre es aber gut mit dem Einprügeln auf den einstigen Volkshelden.

Die evangelische Kirche hat jahrhundertelang daran mitgearbeitet, dass der Reformationstag als Luthertag missverstanden wird. Deshalb wäre für sie ein Reformationsfeiertag auch kein bequemer Tag. Sie müsste nicht nur einmal (2017!), sondern jedes Jahr beweisen, dass Reformation kein Ausschluss-, sondern ein Befreiungsgeschehen ist.

Vielleicht ist es aber auch eine Chance, dass der Reformationstag kein Konsensfeiertag wäre, bei dem alle Beifall klatschen und dann mit gutem Gewissen die Beine hochlegen. Es wäre ein höchst lebendiger Feiertag, an dem darüber gestritten werden kann, was Reformation bedeutet – in den Kirchen und in der ganzen Gesellschaft. Und was Buße bedeutet: Womöglich die Umkehr hin zu einer freieren und gerechteren Welt.

Manuel Kronast