Auf ein Wort

Zukunft in einer gemeinsamen Welt

Was er sich in diesem Jahr wünscht, frage ich einen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in der Woermannstraße. Er überlegt eine Weile. Vielleicht endlich eine eigene Wohnung, sagt er. Raus aus der Unterkunft, raus aus den kleinen Zimmern, endlich für sich sein nach über drei Jahren. Endlich ein eigenes Heim, ein Stück weit Heimat im Fremden.

Oder seinen Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Endlich wissen, ob er in Deutschland willkommen, anerkannt ist. Sein Schicksal liegt in der Hand eines so genannten Entscheiders. Er entscheidet, nach Anhörung oder Aktenlage, ob seine Erlebnisse, die Entbehrungen, die Folter, die Drangsalierungen, der Kampf um das Leben auf dem Mittelmeer ausreichend sind, in Deutschland bleiben zu dürfen. Arbeiten zu dürfen, seine Familie, die Frau, die Kinder, wieder sehen zu dürfen und sie in den Armen zu halten. Und was ist, wenn der Entscheider ihm dann nur subsidiären Schutz zuerkennt? Ein Jahr Sicherheit, ein Jahr arbeiten dürfen ohne Auflagen seien ja auch nicht schlecht. Aber was heißt das schon, wenn die Bürokratie ihm verbietet, seine Familie nachholen zu dürfen? Wenn die Privilegien, die ihm durch die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und einem damit verbundenen Aufenthaltstitel für drei Jahre versagt bleiben? Nun ja, sagt er nach einem Moment der Stille. Immerhin hat er dann etwas in der Hand, so oder so. Positiv oder negativ. Er weiß dann, woran er ist. Nach drei Jahren der Ungewissheit.

Er schaut mich resigniert an. Was ich mir denn wünsche in diesem Jahr, fragt er mich dann, nachdem wir uns schweigend gegenüber saßen. Ich wünsche mir, sage ich, dass mich meine Arbeitsstelle auch in diesem Jahr so ausfüllt, wie bisher. Dass ich nach wie vor Spaß habe, euch jeden Tag zu unterstützen und zu helfen. Dass wir im Team dazu beitragen können, dass ihr in Deutschland ankommt. Dass ich mir keine Sorgen machen muss um das Haus, dass die Finanzen stimmen. Dann wünsche ich mir, erzähle ich ihm weiter, dass es meiner Frau und meinen beiden Kindern gut geht. Dass sie sorgenfrei aufwachsen, Freunde finden und ihren Frohsinn nicht verlieren. Dass sie weiterhin mit Spaß und Vorfreude in die Krippe und den Kindergarten gehen. Und dass sie sich freuen, wenn Omas und Opas, Onkel und Tanten zu Besuch kommen.

In dem Moment blicke ich in sein Gesicht. Ich merke, wie eine Träne seine Wange herunter läuft. Ich fasse ihm auf die Schulter. Eigentlich sind meine Wünsche, die ich für dieses Jahr habe, doch Luxus.

Matthias Mahlke